Grußwort zum Juni 2026

Zum Fest der Geburt

Johannes des Täufers am 24. Juni

Im Wartezimmer beim Arzt gibt es diese besondere Form von Lektüre, zu der sich kaum jemand freiwillig bekennen würde. Man sitzt da, ein wenig zu nah an fremden Menschen, der eigene Termin ist längst überfällig, irgendwo piept ein Gerät, und auf dem kleinen Tisch liegen Zeitschriften mit glänzenden Titeln, die alle so tun, als hätten sie gerade erst die Welt verstanden. Also greift man danach. Nur kurz. Natürlich.

Und dann steht er wieder da: Marius Borg Høiby.

Fast wöchentlich taucht sein Name in der Klatschpresse auf. Sohn von Kronprinzessin Mette-Marit. Kein Prinz, kein offizieller Vertreter des norwegischen Königshauses, aber nah genug am Glanz, um vom Schatten besonders hart getroffen zu werden. Die Vorwürfe gegen ihn sind schwer. Sehr schwer. Es geht nicht um einen peinlichen Ausrutscher, nicht um royale Unordnung, nicht um Stoff für neugieriges Blättern zwischen Blutdruckmessgerät und Aufrufnummer. Es geht um Gewaltvorwürfe, um mutmaßlich verletzte Frauen, um Verantwortung, um Schuld, die vor Gericht geklärt werden muss. Und da darf es keinen Schonraum geben. Nicht wegen eines Namens. Nicht wegen einer berühmten Mutter. Nicht wegen Herkunft, Geld, Krankheit, öffentlichem Druck oder Nähe zu einem Königshaus. Wenn Menschen Gewalt angetan wird, muss das verfolgt werden. Ohne Ansehen der Person.

Gerade deshalb wirkt diese Wartezimmer-Lektüre so schmutzig. Nicht weil schwere Vorwürfe benannt werden. Das müssen sie. Nicht weil Justiz öffentlich hinschaut. Das muss sie. Sondern weil die Klatschpresse aus dem Schwersten eine Fortsetzungsgeschichte macht. Sie klärt nicht. Sie schützt nicht. Sie verkauft. Aus Leid wird Hochglanz. Aus mutmaßlichen Opfern werden Randfiguren. Aus einem Strafverfahren wird ein Serienformat.

Und irgendwann liegt da kein Mensch mehr. Da liegt ein Name.

Ein Name, der sich verselbständigt hat. Marius. Mehr braucht es kaum noch. Sofort ist alles da: Königshaus, Absturz, Mutter, Prozess, Fotos, Tränen, neue Enthüllung. Die Zeitschrift muss gar nicht viel erzählen. Der Name ist schon Erzählung genug. Er ist Etikett geworden. Fallakte. Warnschild. Ware.

Am 24. Juni feiert die Kirche die Geburt Johannes des Täufers. Auch da steht ein Name im Mittelpunkt. Aber in einer völlig anderen Weise.

Ein Kind wird geboren in einem Haus, in dem man wohl nicht mehr viel erwartet hatte. Elisabet und Zacharias sind alt. Die Hoffnung auf ein Kind war vermutlich längst müde geworden. Vielleicht hatte man sich damit abgefunden. Vielleicht hatten andere längst ihre Sätze gesprochen: zu spät, vorbei, da kommt nichts mehr. Solche Urteile müssen nicht laut sein. Manchmal sitzen sie einfach in den Blicken.

Dann kommt dieses Kind. Und sofort will die Umgebung es einordnen. Es soll heißen wie der Vater. Zacharias. So macht man das. So bleibt alles in der Linie. So weiß man, wohin einer gehört. Aber Elisabet widerspricht. Nein. Er soll Johannes heißen.

Das ist kein hübsches Familiendetail. Das ist ein Bruch. Dieses Kind bekommt keinen Namen, der einfach fortsetzt, was schon war. Keinen Namen aus der Erwartung der anderen. Keinen Namen, der sagt: Wir wissen schon, wer du bist.

Johannes heißt: Gott ist gnädig.

Man muss diesen Satz vorsichtig aussprechen. Nicht weich. Nicht billig. Nicht als frommes Tuch über Schuld und Gewalt. Johannes wird später selbst kein Mann sein, der Unrecht verharmlost. Er wird unbequem reden. Er wird Umkehr verlangen. Er wird Schuld beim Namen nennen. Gerade deshalb ist wichtig, was am Anfang über seinem Leben steht: nicht Verurteilung, nicht Gerede, nicht öffentliche Zuschreibung. Sondern Gnade.

Gnade heißt nicht: Alles ist halb so schlimm.

Gnade heißt auch nicht: Die Opfer sollen schweigen, damit der Täter neu anfangen kann. Das wäre keine Gnade. Das wäre die nächste Verletzung. Gnade heißt: Wahrheit darf ans Licht, ohne dass der Mensch zur Ware wird. Schuld muss benannt werden, ohne dass wir uns an der Beschädigung eines Namens berauschen. Opfer müssen geschützt werden, ohne dass ihr Leid zur Beilage einer Prominentengeschichte verkommt.

Vielleicht trifft uns dieses Fest deshalb stärker, als es auf den ersten Blick wirkt. Denn auch bei uns werden Namen schnell schwer. In Familien. In Dörfern. In Vereinen. In der Pfarrei. Ein Name fällt, und innerlich läuft sofort ein alter Film an. Ach der. Ach die. Da weiß man ja. Manchmal stimmt etwas davon. Manchmal muss man wirklich hinschauen. Manchmal darf nicht geschwiegen werden. Aber manchmal merken wir gar nicht, wie schnell wir einen Menschen fertig haben.

Die Geburt des Johannes widerspricht nicht dem Recht. Nicht der Aufklärung. Nicht der notwendigen Konsequenz gegenüber Schuld. Sie widerspricht dem kalten Mechanismus, der aus Menschen nur noch ihre schlimmste Geschichte macht.

Am 24. Juni steht im Kirchenjahr ein Kind, das einen Namen bekommt, der öffnet. Nicht entschuldigt. Nicht beschönigt. Aber öffnet.

Johannes heißt: Gott ist gnädig. Vielleicht bleibt davon etwas für diesen Juni. Wenn wir wieder einen Namen lesen. In der Zeitung. Auf dem Handy. Im Gerede. Oder wenn wir selbst einen Namen aussprechen und merken, wie schnell unser Urteil schon mitläuft. Ein Name kann schwer werden.

Aber Gott legt manchmal ein anderes Wort darunter. Nicht gegen die Wahrheit. Sondern tiefer als unser Urteil.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Pastor

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