Grußwort September 2026
Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung
Liebe Schwestern und Brüder in unserer Pfarreiengemeinschaft!
November 1918: endlich Frieden. Ein paar sehr junge deutsche Frontsoldaten treten den Rückzug in die Heimat an. Ihr „Heimkommen“ beschreibt Erich Maria Remarque in seinem berühmten Roman: Der Weg zurück (erstmals 1931 veröffentlicht). – Diese jungen Männer hatten alle Todesangst, traumatische Erfahrungen und große Entbehrungen erlebt. In der Heimat gestaltete sich ihr Wiedereinleben als nicht einfach. Vom Frontsoldaten zum Zivilisten, das ist kein einfaches Unterfangen. Schauen wir auf eine der geschilderten Figuren. Auf „Ernst“. Denn „Ernst“ ist in Wirklichkeit der Autor, Remarque, selbst. In dieser Figur erlebt, handelt und spricht der Schriftsteller selber: Ernst bzw. der Autor wurde als Achtzehnjähriger 1916 zum Kriegsdienst eingezogen. Vorher hatte er das Katholische Lehrerseminar besucht, um einmal Volksschullehrer zu werden. Nach dem Krieg wendet er sich diesem Ausbildungsgang wieder zu. Eine – für ehemalige Soldaten – verkürzte Studienordnung bringt ihn flott zum Ziel. Er wird Aushilfslehrer an einer Volksschule auf dem Land. Kost und Logis erhält er bei einer freundlichen Bäuerin. Bei den Männern des Dorfes schafft er sich durch Trinkfestigkeit Respekt (als gestandener Schulmeister) und mit seinen Schülern und dem Stoff kommt er auch zurecht.
Es ist erstmals so, und das seit langer Zeit, dass er überhaupt satt wird. Er hat eine Anstellung und respektiert ist er auch. Und, insofern Sie, liebe Christinnen und Christen, den Roman nicht kennen, wird es Sie jetzt wundern, was ein ausdrückliches (auf zwei Seiten geschildertes) Problem des Ernst bzw. des Autors war: Der Sonntag! Der lange, leere, gedehnte, unstrukturierte, freie „Tag des Herrn“!
Remarque schreibt in der Rolle des Ernst: „Am schlimmsten sind die Sonntage. Wenn man da nicht in den Kneipen sitzen will, ist es einfach nicht zum Aushalten.“ (D.W.z., S. 251) Da ist ein junger Absolvent der römisch-katholischen Lehrerausbildung, der nichts mit dem Sonntag, als dem christlichen Feiertag zu Beginn jeder Woche, anfangen kann. Nein, er quält ihn geradezu, weil er langgezogen und entleert ist. –
In jeder Sonntagsmesse betet der Priester als verpflichtenden Einschub vor der Wandlung: „Darum kommen wir vor dein Angesicht und feiern in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche den ersten Tag der Woche als den Tag, an dem Christus von den Toten erstanden ist.“ Der Sonntag ist für uns Christen das kleine Osterfest vor dem Beginn der profanen Woche. Von Dehnung, Länge, Unstrukturiertheit und geistiger Entleerung dürfte da nie die Rede sein. Wenn fromme Juden sich – zu Beginn des Sabbats (Freitagabend beim Dunkelwerden) – treffen, dann rufen (!) sie einander freudig zu: Schabbat schalom! („friedvoller Sabbat“) Es ist ein Ruf, ja eine Fanfare, die den jüdischen Ruhe- und Andachtstag einleitet. Von dieser Freude könnten wir Christen uns eine Scheibe abschneiden. Denn so wie das bei Ernst bzw. E.M. Remarque schief gegangen ist, in Prägung und christlicher Erziehung, so läuft das m.E. heutzutage in der Mehrzahl der Fälle schief – obwohl wir durchaus Arbeit und Mühe in Religionsunterricht und Katechese investieren.
Der 18. Sonntag im Jahreskreis hat uns als Evangelium wieder einmal die Speisung der Fünftausend vorgetragen (Mt 14, 13-21). Mich fasziniert immer wieder dieser kurze, prägnante, eindeutige und befehlende Ton Christi in dieser Perikope. Die Jünger wollen die vielen Leute wegschicken, damit sie sich etwas zu essen kaufen können. Und dann – fast schon hart:“Gebt ihr ihnen zu essen!“(Ein Italiener würde „Basta!“ anfügen.) Diese Anordnung Christi geht an unsere Adresse: Wir alle, nicht nur der Klerus, sind gerufen und berufen, vor allem durch unser sonntägliches Feiern, die Fünftausend (ein Bildwort für „alle!“) zu speisen. Eucharistisch und mit unserer Sinnstiftung am und um den Tag es Herrn. Der Pfeiler, der dabei alles hält, ist die Gemeindemesse, die uns gegenwärtig setzt mit dem lebenden, leidenden, sterbenden und auferstehenden Herrn – in Realpräsenz (in wirklicher Gegenwart). Die Priester unserer Pfarreiengemeinschaft sind stets bemüht, die sonntägliche Zelebration in allen Pfarrkirchen aufrechtzuerhalten – selbst dann, wenn einer (wie ich) lange fehlt. (Dabei ist es nicht nur einmal passiert, dass wir – ob unserer „Zentriertheit und Konzentration“ auf die Eucharistie – von anderen Seelsorgern der Diözese belächelt wurden.)
Erlauben Sie mir, liebe Christinnen und Christen, das Gesagte in wenigen Worten abschließend zu formulieren:
– Machen Sie aus dem Sonntag einen Feiertag – ein Ostern am Beginn der weltlichen Woche!
– Feiern Sie die Gemeindemesse mit und setzen Sie sich der sakramentalen Realpräsenz (wirkliche Gegenwart) Christi aus!
– Suchen Sie den frohen Zusammenhalt mit gleichgesinnten Christen (Stichwort „Schabbat schalom“) am Sonntag!
– Geben Sie ihrer Seele am Sonntag „Streicheleinheiten“ (bes. Gebet, Schriftlektüre, kleine Wallfahrt u.a.)!
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir dann einen anderen Sonntag wie E.M. Remarques „Ernst“ erleben werden (– wenn er auch ein ganz großer Romancier gewesen ist!) Dann wird die Erinnerung an unsere Sonntage eine gute, eine heilende sein! Und die Vorfreude auf die noch kommenden Tage des Herrn eine große!
Mit den besten Grüßen!
Immer Ihr
Pfarrer Peter Schwan, Kooperator



